Befreiung

Was ist zu tun?
Natürlich: Zuerst mal müssen wir Geräte sammeln. In meinem Fall lade ich meine Patient*innen ein, bei sich zuhause nach überflüssigen Geräten zu sehen und sie mir zu spenden, damit ich sie als Leihgerät oder Geschenk an bedürftige Patient*innen, denen es an finanziellen Mitteln oder technischem Know-How fehlt, weiterzugeben. Für diesen Einsatzzweck beschränke ich den Spendenaufruf auf

  • Netbooks
  • Laptops ab Dualcore-Prozessor
  • Desktop-PCs ab Dualcore-Prozessor

Und dann?
Sind die Geräte erstmal da, gilt es, sie auf technische Mängel zu überprüfen. Reicht eine Neueinrichtung des Systems? Müssen Komponenten ausgetauscht oder ersetzt werden? Lässt sich aus zwei leicht defekten Geräten vielleicht ein intaktes zusammensetzen? Akkus, Netzteile, Arbeitsspeicher oder Festplatten lassen sich oft zwischen ähnlichen Geräten austauschen.

Nun sollen die Geräte also neu bespielt werden. Ich schrieb auf der Startseite von „schlechter Software“. Damit meine ich Betriebssysteme und Anwendungen, die vor Kauf meist auf solchen Geräten vorinstalliert und den Kund*innen als inklusives Geschenk vorgegaukelt werden. Tatsächlich sind die Lizenzkosten entweder bereits in den Anschaffungskosten enthalten oder die Software sorgt später dafür, dass seine Anwender*innen ihr etwas „zurückgeben“. Viele solcher Programme sammeln Informationen über sie und senden sie an ihre Anbieter. Und Daten sind ja das neue Erdöl, wie manche Politiker nicht müde werden uns zu erklären …

Software, die primär den Profitinteressen ihrer Anbieter dienen soll, beschneidet naturgemäß die Rechte und Möglichkeiten der Besitzer*innen von Geräten. Dass Geräte mit zunehmender Dauer ihrer Nutzung immer langsamer werden, liegt oftmals nicht nur an der schwachen Ressourcenverwaltung des meistgenutzten Betriebssystems der Welt sondern auch an „im Hintergrund“ (also quasi unsichtbar) laufenden Anwendungen, die den Nutzer*innen i.d.R. keinen Vorteil bringen aber die Ressourcen des Gerätes andauernd beanspruchen. Insgesamt wurden informationtechnische Geräte bzw. die auf ihnen standardmäßig installierte Software über die Jahre immer mehr in eine Richtung entwickelt, dass eigentlich nicht ihre Käufer*innen sie kontrollieren. In Zeiten von DSL und Mobilflatrates fernverwalten Hardware- und Betriebssystem-Anbieter immer häufiger ihre Produkte und teilen ihren Kund*innen zu, was sie ihrer Meinung nach auf den Geräten nutzen sollten. Was oft auch bedeutet, dass Geräte nur so lange sinnvoll zu verwenden sind, wie sie von den Anbietern weiter mit Software-Aktualisierungen versorgt werden.

Es liegt also nahe, die gespendeten Geräte nicht einfach wieder mit solch beschnittener oder gar schädlicher Software zu bespielen, sondern auf sogenannte freie Software zu setzen. Für Desktop-PCs, Laptops und Netbooks bieten sich sogenannte Distributionen des GNU-Betriebssystems z.B. mit dem Linux-Systemkern an. Es kämen auch Alternativen wie BSD-Derivate oder ReactOS in Frage. Aber wenn wir die Geräte an Menschen ohne Expertenwissen weitergeben wollen, sollten wir vermutlich keine allzu exotischen Lösungen, sondern anfänger*innenfreundliche Varianten einsetzen. Es gibt unzählige solcher GNU/Linux-Distributionen. Ich selbst werde auf den Spende-Geräten überwiegend Linux Mint mit dem MATE-Desktop installieren, da diese Version recht sparsam mit Geräteressourcen umgeht und gleichzeitig wenig Umstellungsleistung von GNU/Linux-Neulingen erfordert.

Datenbereinigung
Da bei einer Spende auch die Datenspeicher (Festplatte) ihre Besitzer*innen wechseln, sollte dafür Sorge getragen werden, dass das Missbrauchsrisiko alter Daten der Vorbesitzenden möglichst minimiert wird. Das reine Formatieren der Festplatte und Neubespielen ist zu diesem Zwecke unzureichend. Daher ist es sinnvoll, ein sogenanntes Live-Medium (DVD oder USB-Stick) der gewünschten Betriebssystem-Distribution zu erstellen und damit das Gerät zu starten. Im geladenen Live-System, das nicht auf die Festplatte angewiesen ist, lässt sich diese wiederholt mit Leerdaten überspielen, bevor die eigentliche Formatierung und Installation des Betriebssystems vorgenommen wird. Dadurch wird eine Wiederherstellung von alten Daten von der Platte erheblich erschwert (wenn auch nicht vollständig umöglich gemacht). Sicherer wäre nur noch die Spende ohne Festplatte, die dann aber durch eine neue ersetzt werden müsste. Und schon könnten die Geräte nicht mehr für umsonst weitergegeben werden. Der Kompromiss erscheint mir vertretbar.

Installation und Konfiguration
Viele Distributionen bieten eine geführte grafische Installationsroutine an, die im Grunde auch unerfahrene Nutzer*innen befolgen könnten. Als etwas erfahrenerer Anwender werde ich die Festplatte in System- und Nutzerdaten-Partition einteilen, um spätere Systemaktualisierungen und Datensicherungen zu erleichtern. Falls ich die zukünftigen Spendenempfänger*innen nicht im Voraus kenne, sind ein generischer Benutzer*innen-Name zu erdenken, ein sicheres Passwort zu wählen und beide zu dokumentieren. Meist installiere ich dann noch einige nicht per default installierte Anwendungen wie den TOR-Browser, das Thunderbird-Plugin „Lightning“ (Kalender), den „ownCloud“-Client aus dem Owncloud-Repositorium sowie die Fernzugriffs-Software „TeamViewer. Letzterer erlaubt mir in Notfällen Hilfestellung, ohne übermäßig viel Zeit für Treffen investieren zu müssen. Nicht, dass ich irgendwelche Support-Versprechen bei Übergabe machen würde! In der Regel verlinke ich im Browser bereits das UbuntuUsers-Wiki als Startseite, um Zugang zu Einführungen und der Community anzubieten.
Damit ist das Gerät übergabebereit. Je nach Vorkenntnissen der Empfänger*innen gebe ich bei Übergabe noch eine kurze Einweisung und bespreche die Einrichtung von Netzwerk-Verbindungen oder z.B. Drucker. Da in meinem Falle die Patient*innen die Geräte als Arbeitsmittel in der Therapie einsetzen sollen, bleibt bei individuellen Schwierigkeiten
noch Gelegenheit zur Nachsorge oder Vorstellung spezifischer Anwendungen.
Ausdrücklich vermittle ich den Empfänger*innen, dass ich ausschließlich bei der von mir installierten Software Unterstützung und Rat anbieten kann. Damit senke ich die Wahrscheinlichkeit, dass sie zuhause ihren Anghörigen erlauben, wieder schlechte Software auf das geschenkte Gerät zu spielen. Was ich bei einem Geschenk schlecht verbieten könnte.

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